Mittwoch, 16. juli 2008
Es hat mich damals richtig verunsichert, als ich im „Stern“ einen deutschlandweiten Restaurant-Test las, der aufzeigte, dass Sauberkeit und Hygiene in der Küche nicht identisch sein muss mit der gemütlichen und ordentlichen Atmosphäre im Gastraum. Um Rückschlüsse auf  den Zustand der Küche zu ziehen, wurde eine genaue Inspektion der Toilette empfohlen. Das war nun eine Information, die ich so gar nicht gebrauchen konnte. Weil, in dem ländlichen Idyll, in dem ich lebte, gab es keine Restaurants, sondern nur Gasthäuser. Und die hatten keine Toiletten, sondern Scheisshäuser. An zwei kann ich mich noch genau erinnern, die standen sogar im Hof . Im Sommer waren Küchentüren und –fenster weit geöffnet, damit die Fliegen im Klo bleiben. Das funktioniert. Ich habe es erlebt. Ich habe diesen Stern-Artikel schnell verdrängt und weiterhin diese fantastische Hausmannskost genossen, die ich da geboten bekam.
Viel später bin ich dann in meiner geliebten großen Großstadt gelandet. Fast alle Menschen um mich herum waren früher oder noch zur Zeit in der Gastronomie tätig. Wieviel lustige kotzspeiüble Insider-Geschichten hatten die zu erzählen. Ich habe sie alle verdrängt und gehe heute noch gerne auswärts essen.
Langsam aber wird es problematisch. Ich habe Fernsehn, Internet, Videotext, Radio und immer noch den „Stern“ und Kollegen. Selbst, wenn ich es nicht mehr zur Kenntnis nehmen will, ich muss – wir sind eine Informationsgesellschaft geworden. Für beliebige Informationen. Zur Zeit fürchte ich mich wohl mehr vor unserem Gesundheitssystem als vor einer Krankheit.
Es ist nur eine winzige Begebenheit, die mir vor ca. einem Jahr passiert ist. Sie steht in diesem Zusammenhang und ich muss selbst heute noch immer wieder daran denken. Auf einer kleinen Veranstaltung in unserer Straße stand ich etwa fünf Meter entfernt von einem „Kinder-malen-mit-Fingerfarben-Stand“. Ich nahm ein paar Züge aus meiner Pfeife und schon steuerte eine resolute junge Mutter auf mich zu und bat mich mit gefährlicher Freundlichkeit, die Richtung von dem Rauch meiner Pfeife oder meine Anwesenheit zu verändern. Ich will kleinen Kindern keinen Schaden zufügen. Ich bin gegangen. Warum ich das erzähle? 200 Meter weiter ist und war die zweitgrößte Kreuzung meiner Stadt. Durch die schieben sich täglich tausende von Fahrzeugen pro Stunde.
Die durften bleiben. 

von Bacci - veröffentlicht in: Leben - Community: Kultur-Schock
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